Selektiver Mutismus

Die Erzieherinnen aus dem Kindergarten berichten den Eltern zunehmend irritiert, dass das Kind im Kindergarten nicht spräche. Für die Eltern ist das zunächst nicht erklärbar, denn das Kind spricht ja zu Hause ungehemmt und vielleicht sogar auch recht viel.

Das Verhalten von Kindern, die unter bestimmten Bedingungen Schweigen, wird von ihrer Umwelt oft als bockig, störrisch oder einfach extrem schüchtern fehlgedeutet. Aber öfter als gedacht, handelt es sich hierbei um einen selektiven Mutismus.

Selektiver Mutismus beschreibt die Unfähigkeit, in spezifischen sozialen Situationen (z.B. Kindergarten/ Schule) oder mit bestimmten Personen zu sprechen.
Nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche und Erwachsene können betroffen sein.

Woran können Sie erkennen, ob es sich bei Ihrem Kind um einen selektiven Mutismus handelt?
Mögliche Verhaltensweisen sind zu beobachten:

  • Das Kind redet völlig ungehemmt zu Hause und schaltet plötzlich auf "stumm", wenn eine fremde Person hinzukommt.
  • Dem Kind fallen besonders Begrüßung/Abschied/Dank/Fragen schwer.
  • Oft zeigt das Kind in der Schule gute schriftliche Leistungen.
  • Das Kind scheint sehr intensiv die Menschen um es herum zu beobachten, aber es hat meist Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle auszudrücken.
  • Das Kind möchte nicht im Mittelpunkt stehen.
  • Das Kind hat eine sehr enge Mutterbeziehung, es schläft evt. nicht gern allein und manchmal nässt es noch lange ein.
  • Manche Kinder haben zu Hause Wut- oder Weinanfälle, wenn etwas nicht nach ihrem Plan geschieht.
  • Wenn das Kind im Schweigen ist, hat es oft einen starren Gesichtsausdruck, die Körperhaltung/Mimik erscheint versteinert und es reagiert verzögert.
  • Auch das Weinen, Lachen und Husten erfolgt dann stimmlos.

Welche Ursachen hat der selektive Mutismus?
Wie so oft gibt es keine klare Antwort. Viele mutistische Kinder haben eine Anlage zu Ängstlichkeit und Gehemmtheit. Die Forschung zeigt, dass eine recht große Anzahl von selektiv mutistischen Kindern Sprach- und Sprechstörungen aufweisen. Außerdem kommen gut 20 Prozent der Betroffenen aus einem zweisprachigen Umfeld.

Was kann/soll ich tun,
wenn ich den Verdacht habe, dass mein Kind unter selektivem Mutismus leidet?
Sie sollten Ihren Kinderarzt speziell auf dieses Störungsbild ansprechen. Leider ist das Störungsbild immer noch nicht ausreichend bekannt. Bitten Sie um eine logopädische Untersuchung Ihres Kindes. Selektiver Mutismus fällt unter die Sprachentwicklungsverzögerung, eine Therapie wird von den Krankenkassen bezahlt, wenn der Arzt ein Rezept ausstellt.

Abwarten hilft nicht!
Wenn Ihr Kind länger als 4 Wochen in neuen sozialen Bezügen nicht spricht, sollten Sie aktiv werden. Die Erfahrung zeigt, dass sich bei Nicht-Eingreifen das Störungsbild immer stärker manifestieren kann, sich über Jahre hält und sich letzten Endes die gestörten Kommunikationsmuster bis ins Erwachsenenalter hineinziehen. Achten Sie darauf, eine mit dem Störungsbild vertraute Therapeutin zu wählen, bei der zu Beginn der Therapie ein ausführliches Gespräch mit Ihnen im Vordergrund steht. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern, Erziehern/Lehrern und evtl. Psychotherapeuten ist zu empfehlen.

Auch im Erwachsenenalter ist eine Überwindung des Mutismus möglich.

 
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